Im Klassenzimmer

Wenn die letzte Reihe anfängt Scrabble zu spielen, dann weißt du, dass das wohl nicht deine beste Stunde als Englischlehrer im Ausland war.

Nach zehn Monaten Unterricht an meiner Schule, der Wat Som Wang School habe ich schon so einiges erlebt. Unmotivierte Schüler, erstaunlich gute Schüler, auf einmal keine Schüler und ja tatsächlich auch Scrabble spielende Schüler.

Es ist nicht immer einfach, den Kindern hier das Englische näherzubringen. Seit dem Beginn meines Freiwilligendienstes an der Wat Som Wang School wurde ich im Unterricht vor so manche Herausforderung gestellt.

Meine Schule ist eine staatliche, relativ kleine Schule ohne ein English Program oder andere Maßnahmen zur Förderung der englischen Sprache. Solche gibt es meistens nur an größeren Privatschulen, die dann auch ihren Preis haben.
Viele der Kinder stammen aus schwierigen Familienverhältnissen und Umfeldern. Hausaufgaben werden für gewöhnlich nicht gemacht, unteranderem auch, weil zuhause niemand dabei helfen könnte. (Ich habe mir sagen lassen, dass das allerdings fächerübergreifend der Fall ist.) Deshalb ist das Englischniveau denkbar niedrig. Bis in die hohen Klassen können die Meisten englische Worte nicht lesen, geschweige denn selbst Sätze bilden. Selbstverständlich gibt es in jeder Klasse auch ein paar Schüler, die wirklich gut sind und schon lesen können oder besonders viele Vokabeln beherrschen. Das ist aber eher die Minderheit.

Dabei würde ein gutes Englisch den Kindern so viel mehr berufliche Wege eröffnen, gerade wenn man an den florierenden Tourismus in Thailand denkt. Aber davon möchte ein Fünftklässler verständlicherweise noch nichts wissen. Der spielt lieber mit Murmeln, Slime (Der Trend ist hier leider auch angekommen.) oder Karten. Ja, ab und an auch im Unterricht.

Natürlich muss beachtet werden, dass es durch die lateinischen Buchstaben, die für die Schüler wohl so exotisch wirken, wie die thailändischen für mich, weitaus langwieriger ist, Englisch zu lernen. Man muss sich vor Augen führen, dass die Kinder in jüngstem Alter zwei verschiedene Schriften lernen sollen. Die Sache wird nicht weniger kompliziert, wenn man die Schwierigkeit des thailändischen Alphabets bedenkt. Bei 43 Konsonanten und 14 Vokalen kann man schon mal durcheinander kommen.

Eine der ersten Fragen, die aufkam, war also: Wie um Himmels willen kommuniziere ich mit den Schülern?

Es stellte sich, gerade in den jungen Klassen, in denen die Themen noch sehr einfach sind, als gar kein so großes Problem dar. Manchmal muss man schon kleine Pantomime-Einlagen hinlegen, um ein Spiel zu erklären, aber sobald es einmal verstanden wurde, funktioniert es dann eigentlich auch ganz gut.
Trotzdem war es unerlässlich, mir einen gewissen Grundwortschatz Thai beizubringen, um auch in den höheren Klassen erfolgreich unterrichten zu können. Gerade wenn es etwas unruhiger im Klassenzimmer wird, haben die Schüler meistens wenig Respekt vor Maßregelungen auf Englisch. Und auch kompliziertere Themen lassen sich einfach leichter erklären, wenn man etwas Thai kann.

WhatsApp Image 2018-02-14 at 05.29.28

Projekt zum Thema Wetter. Klassen 4 und 5.

WhatsApp Image 2018-02-14 at 05.06.06 (1)

Valentinstags Karten Basteln mit der zweiten Klasse! 🙂

Das zweite Hindernis ist die Unterrichtsgestaltung. Wegen der geringen Kenntnisse muss ich meine Stunden oft so vorbereiten, dass die Kinder etwas lernen, ohne viel lesen zu müssen.

Mein Eindruck ist, dass hier vor allem der Spaß im Englischunterricht im Vordergrund stehen soll, da die Motivation der Kinder für Englisch sowieso schon nicht sehr hoch ist und mit jedem Arbeitsblatt oder jeder Schreibübung sinkt.
Deshalb heißt es, viele Spiele spielen und versuchen, ihnen dabei so viel Stoff wie möglich unterzumogeln.

Da ich sehr oft alleine vor der Klasse stehe, ist es auch für mich von Vorteil, wenn die Kinder Spaß am Unterricht haben und gerne mitmachen.
Denn anderes als ich vorher, warum auch immer angenommen hatte, unterscheiden sich die Kinder hier, was Schwätzen und Rumalbern angeht, kein bisschen von Kinder in Deutschland.
Man muss gelegentlich auch etwas laut werden, um beispielsweise eine dritte Klasse mit vierzig Kindern in Schach zu halten.

Wirklich schön und manchmal auf groteske Art lustig ist die Aufgeschlossenheit der Kinder. Sie fragen auf Thai viel und möchten viel wissen, zum Beispiel über Deutschland: Ob es da kalt ist? Mit was man da so bezahlt? Gibt es dort auch Thailänder? Sehen da alle aus wie du? Warum bist du so weiß?

Und gerade bei diesen Gesprächen, die meistens neben dem Unterricht in Freistunden oder zwischen den Stunden stattfinden, lernen die Kinder unbewusst auch schon ein paar Vokabeln. Zum Beispiel „Snow“. Mittlerweile will schon fast die ganze dritte Klasse mit nach Deutschland, um Schnee zu essen! 😀
Und vielleicht erkennen sie dadurch, zumindest in Ansätzen, dass es wichtig ist, Englisch sprechen zu können, da man so mehr erfährt und Austausch stattfinden kann.

WhatsApp Image 2018-02-14 at 05.06.05 (1)

Fertig!!

Trotz aller Widrigkeiten und auch wenn es manchmal wirklich schwer und enttäuschend sein kann, wenn eine Stunde mal so gar nicht klappt, wie man sie sich vorgestellt hat. Am Ende überwiegen doch die Momente, in denen Schüler plötzlich ein Thema begreifen, ein Spiel klappt, wie geplant oder ein Kindergartenkind frühs strahlend „Good morning Teacher Namwaan“ ruft und nicht wie gewohnt „Sawasdi ka kon kru farang“ („Guten Morgen ausländischer Lehrer!“ – Farang wird hier für Ausländer verwendet, die europäisch aussehen.).

So viel dazu. 🙂

Bis bald!

Eva

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s